Viele Mütter und Väter hadern mit dem aktuellen Bildungssystem, weil sie unerwünschte Effekte bei ihren Kindern beobachten. Bei einem Ausstieg aus diesem Dilemma hilft Mompreneur des Monats Lena Busch, Mama von drei Kindern.  Zusammen mit ihrem Ehemann veranstaltet sie den 1. Internationalen Online-Bildungskongress, bei dem 40 außergewöhnliche Menschen über ihren erfolgreichen Ausbruch aus dem System berichten. Lass Dich von ihr inspirieren, um auch für Deine Kinder einen selbstbestimmten Weg zu finden. 

 

MAMA Revolution: Liebe Lena, Du bist eine sehr engagierte Botschafterin für freies Lernen und freie Bildung. Was waren die wichtigsten Schlüsselmomente, die Dich zum freien Lernen gebracht haben?

Lena Busch: Bewusst sicherlich meine Kinder, vorrangig meine große Tochter, die nach ihrer Zeit in der Krippe (ich war zu dieser Zeit noch halbtags als Abteilungsleiterin Finanz- und Rechnungswesen tätig) und einer vermeintlichen Eingewöhnung nicht in den Kindergarten wollte.

Kinder wissen meist sehr genau, was sie derzeit brauchen oder auch, was ihnen nicht gut tut.

Wir lebten ohnehin sehr bedürfnisorientiert mit ihr und kamen damit in Berührung mit dem freien Lernen und erkundeten immer tiefer, lernten immer mehr Menschen und Möglichkeiten kennen, eine neue Welt tat sich irgendwann auf.

Der Rest war eigentlich wohl eher eine logische Folge: wir sahen, was schon Babys und Kleinkinder machen und wie sie lernen. Warum sollte das irgendwann aufhören, dieser Drang sich zu entwickeln?  Weitere Fragen und Gedanken entstanden.

Ich war allerdings wohl im Herzen schon immer ein bisschen Freilerner, ich habe immer recht selbstbestimmt gelernt und gearbeitet und mir das selbständig angeeignet, was mich interessierte oder was ich brauchte und den Rest ziemlich links liegen lassen und mich über die starren Bildungsschemata mehr oder weniger bewusst geärgert.

Für meinen Mann war definitiv ein Videovortrag von André Stern (schulfrei aufgewachsener Sohn des Malort-Gründers Arno Stern) der Schlüssel, das hat ihn sehr inspiriert. Für uns ist wichtig:

Freies Lernen stellt eine Haltung dar, die von freiwilliger Entscheidung geprägt ist und nicht zwingend „ohne Schule“ bedeuten muss – aber kann.

 

 

MAMA Revolution: Was sind die größten Probleme, die Schulkinder und Eltern von Schulkindern im aktuellen Bildungssystem konfrontieren?

Lena Busch: Die Defizitorientierung, das alte System von Belohnen und Bestrafen, die hohe Fremdbestimmung, jeder soll das Gleiche und auf die gleiche Art lernen. Der Druck auf Eltern und Schüler und Lehrer. Diese Drei stehen oft gegeneinander statt miteinander in Beziehung.

Das Bildungssystem ist ein Dinosaurier, der schwerfällig ist, aber versucht, sich selbst in alter Form zu erhalten. Die Schwerfälligkeit macht es engagierten Beteiligten oft schwer.

  • Durch die Schulpflicht ist ein wirklich gleichwürdiges Miteinander nicht möglich, wenn einer in der Lernbeziehung nicht freiwillig da ist.
  • Der gesamte Blick auf’s Kind, der durch Defizitorientierung und ein großes Machtgefälle geprägt ist.
  • Alternative Schulen und freie Schulen sind nicht für jeden bezahlbar, die Plätze dort rar. Schulgründungen dauern lange.
  • Es gibt keine Supervision bei Lehrern an staatlichen Schulen.
  • Wir haben keine Bildungsfreiheit, dadurch ist Bildung in Deutschland nach wie vor so „erblich“ wie sonst nirgendwo.
  • Schule hält fest daran, Bildung hauptsächlich als Wissen und Wissensvermittlung zu verstehen.
  • Wir wissen nicht, was unsere Kinder einmal brauchen werden, mehr noch, vieles an Wissen, das unsere Kinder einmal benötigen, existiert heute vermutlich noch gar nicht.

Das macht Angst, denn es passt nicht zu einem fremdbestimmten System, das von Erziehung lebt; davon, dass man davon ausgeht, dass man jemandem etwas „beibringen“ muß, also das Lernen vom Lehrenden ausgeht und nicht vom Lernenden.

 

 

MAMA Revolution: Du hast selbst 3 Kinder. Wie schaffst Du es, Deinen Kindern ausreichend Freiraum zu lassen in einem System mit Schulzwang? Welche Alternativen oder Herangehensweisen kannst Du Eltern empfehlen?

Lena Busch: Wir haben viel und lange gesucht bzw. die jeweils „richtige“ Lösung verändert sich auch mit der Zeit.

Wir haben Auswanderung überlegt und sind diverse Schritte gegangen. Wir haben uns viele freie Schulen angeschaut. Eine Zeitlang sind wir mit dem Wohnmobil durch Europa gereist.

Jetzt haben wir für uns eine freie Schule gefunden, die recht großen Freiraum bietet. Es gibt weder verpflichtende Angebote noch Schulabschlüsse, die Schule endet mittags und es bleibt genug Zeit für außerschulische Projekte.

Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten kommt sie einem freien Lernort schon recht nahe.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Welche passt, ist individuell und ändert sich auch. Wichtig ist es, offen zu bleiben und vor allem den Kindern wirklich zu vertrauen. Eltern empfehle ich außerdem, sich in erster Linie zu informieren, und das möglichst frühzeitig.

Eine Möglichkeit ist der 1. Internationale Online-Bildungskongress für Freies Lernen und Freie Bildung

Mein Mann und ich haben über 40 Experten aus verschiedenen Ländern der ganzen Welt eingeladen:

Wissenschaftler, schulfrei aufgewachsene junge Menschen, Eltern von schulfreien oder schulfrei aufgewachsenen Kindern, junge Leute, die ihr Abi ohne Schule gemacht haben, eine Vertreterin von Methodos, die Schule einfach komplett umgedreht haben und ihre Lehrer selbst einstellen, Lehrer, Vorstand und Vertreter von Verbänden und Communities für freies Lernen – sowohl mit als auch ohne Schule -, Betreiber offener und freier Lernorte, Reisefamilien, Ausgewanderte, Berater, Autoren, Fachleute, Menschen, die sich nach der Schule ihre Bildung selbst zusammengestellt haben, digitale Nomaden, Vorreiter zu den Themen selbstbestimmtes, orts- und zeitunabhängiges Arbeiten. Außerdem die Filmemacher von „Being and Becoming“ (schulfrei) und „Schools of Trust“ (freie und demokratische Schulen) und die Betreiberin eines internationalen wöchentlichen Internetformats.

 

 

MAMA Revolution: Welche Eurer Teilnehmer haben Dich bereits im Vorfeld besonders berührt und warum?

Lena Busch: Das ist schwierig zu sagen, weil ich mehr als die Hälfte meiner Teilnehmer schon seit Jahren kennen darf und jeder etwas Besonderes für mich ist und mein Herz berührt.

Wahnsinn für mich war das Interview mit dem großartigen Prof. Peter Gray aus den USA, der seit vielen Jahren Unschooling (=Freilernen, leben ohne Schule) oder Aspekte davon wissenschaftlich untersucht und mit der Leichtigkeit von jemandem spricht, der seit Jahrzehnten mit dem Thema vertraut ist.

Und unglaublich berührend fand ich die Interviews mit den jungen Leuten, die ohne Schule aufgewachsen sind (wie Laura Hoffmann, Malchus Kern, Immanuel Wolf, Jara Rempf) oder Erik Koszuta, der nach dem Besuch einer recht freien Schule die Oberstufe abgebrochen und auf’s Abi verzichtet hat.

Diese jungen Menschen haben eine Klarheit, eine Selbstbestimmtheit, übernehmen Verantwortung für sich und für andere – und scheinen ihre Reife überwiegend nicht mal zu merken 🙂

 

 

MAMA Revolution: Was ist Deine Vision für Schulkinder in Deutschland? Was würdest Du sofort verändern, wenn Du alle Politiker hinter Dir hättest?  

Lena Busch: Ganz klar: die Schulpflicht abschaffen.

Das gibt es in keiner Firma und sonst nirgends, dass Menschen gezwungen werden, mit lauter Gleichaltrigen aus ihrem Bezirk den Tag in einem mehr oder weniger engen Raum zu verbringen…

…und dass im Normalfall keiner raus- und aber auch kein Außenstehender rein darf, und viele weitere Faktoren – und das dieser „Job“ noch dazu weder Kündigungs- noch Teilzeitmöglichkeit hat.

Also im Grunde all das, wovon all jene, die ihr Business nach eigenem Standard aufgebaut haben oder aufbauen wollen, vielleicht sogar online, begreiflicherweise nichts mehr wissen wollten, weil sie mehr Selbstbestimmung wollen.

„Ganz normale“ Familien werden illegalisiert oder verlassen das Land, wenn sie sich für ihre Kinder eine andere Form der Bildung wählen, wenn sie sich ein selbstbestimmtes Familienleben wünschen, oder wenn alle leiden, weil ein Kind in der Schule leidet.

Mir ist somit nicht klar, wie es diese Schulpflicht in einem demokratischen Staat im 21. Jahrhunderts immer noch geben kann. Verständlich, dass Deutschland damit relativ alleine in Europa und der Welt dasteht.

  • Ansonsten: Pflichtlehrpläne abschaffen.
  • Supervision einführen bzw dafür Mittel bereitstellen, ebenso für Seminare/Coachings zur eigenen Biografiearbeit
  • offene Lernorte, die frei gestaltet werden können, in die Menschen hineingehen können, wo aber auch niemand gezwungen wird zu sein. Dort gibt es die entsprechenden Lernmittel, vielleicht auch Lernbegleiter, es ist eine absolut altersübergreifende Community (mehr oder minder gibt es solche Orte sogar bereits, wenn auch nur teilweise in D)
  • auch Schulen öffnen sich – für Menschen von außen und die herauslassend, die nicht dort sein mögen 😉

 

 

MAMA Revolution: Du arbeitest auch selbständig. Was machst Du außerhalb des Bildungskongresses und wie organisierst Du Deinen Alltag, um Deine Bedürfnisse und die Deiner Familie unter einen Hut zu bringen?

Lena Busch: Ich biete alternative Elternbegleitung an und Coaching rund um ein bedürfnisorientiertes Familienleben, das sich für alle Beteiligten leicht anfühlen darf.

Viele Eltern haben eine wunderbare Beziehung mit ihren Kindern, stoßen aber im täglichen Miteinander immer wieder auf Situationen, in denen es außer den alten Mustern und Glaubenssätzen, die so hochpoppen, keine Handlungsalternativen zu geben scheint.

Ich begleite auf diesem Weg und dem Übergang des Attachment Parenting in Kleinkindzeit und darüber hinaus. Das schließt ein, wenn Mütter sich fragen, wie denn die Bedürfnisorientierung für sie selbst und in Einklang mit der Familie geht.

Und auch, wie sie selbstbestimmte Berufstätigkeit gestalten und damit in Einklang bringen können, wie sie beginnen können, sich ein Business als Mompreneur aufzubauen oder zu gestalten; gerade für diejenigen, die nicht oder noch nicht 20, 30 Stunden und mehr arbeiten wollen. Dies schließt die ganz praktischen Dinge ein, was man für so ein kleines Business an Administration und Verwaltung braucht und wie man das am besten selbst umsetzt oder wo man Unterstützung findet.

Insgesamt baue ich meine Onlinetätigkeiten weiter aus, auch in den ganz praktischen Beratungsgebieten wie Trageberatung, Stoffwindeln, Windelfrei, so es möglich ist.

Außerdem schreibe ich als freie Journalistin online und print zu meinen Herzensthemen; auch durfte ich im vergangenen Jahr an einem umfangreichen Ratgeber zu Online-Marketing und zeit- und ortsunabhängigem Arbeiten ein bißchen mitarbeiten.

Die Herausforderung ist, dass hier Organisation einerseits alles ist, auf der anderen Seite mit drei Kindern zwischen 2 und 8 Jahren, kurzer oder keiner Betreuung und sehr weiter Fahrstrecke zur freien Schule auch hochflexibel sein muss, da ein Umzug in die Stadt bisher nicht realisierbar war und wir zudem auf einem Dorf wohnen, in dem es einen Bäcker gibt und wo dreimal am Tag der Bus fährt.

Wir leben kitafrei; ich habe eine Rockzipfel-Eltern-Kind-Gruppe zum Coworking gegründet, wir treffen uns in der Stadt, in der die Schule ist. Ansonsten haben wir ein gewisses privates Netzwerk.

 

 

MAMA Revolution: Was sind Deine 3 wichtigsten Tipps für Mütter, die sich ein selbstbestimmtes Leben für sich selbst und ihre Familien wünschen?

Lena Busch:

1. Think outside the box. Schaff Dir Deine eigenen passgenauen Lösungen – in der Alltagsorganisation wie auch in den großen Fragen. Such Dir möglichst Unterstützer und Gleichgesinnte. Mach Dich unabhängiger von dem, was andere sagen oder von Deinen Plänen halten. Gemeinsam schafft man viel mehr – gemeinsam können wir auch eine neue Lern- und Arbeitswelt schaffen. Revolution beginnt im Kopf !

2. Überlege Dir, was Du WIRKLICH willst, für Dich und Deine Familie, jetzt oder in Zukunft, und frage Deine Familie. Findet gemeinsame Lösungen, vielleicht mit Unterstützung. Sprecht dabei eine klare Sprache und achtet drauf, dass Ihr einander versteht. Was muss wer dafür tun, wie könnt Ihr das erreichen? Was ist die Essenz, die erreicht werden soll, wenn nicht alles geht?

3. Gehe Deinen eigenen Weg – in Deiner Geschwindigkeit. 100% Zeit und Aufmerksamkeit kann man nicht dreimal verteilen. Wenn Du Mama bist und nicht Vollzeit arbeitest, geht es langsamer, und das ist ok, auch wenn alle anderen gefühlt oder auch tatsächlich vieeel schneller sind.

 

MAMA Revolution: Herzlichen Dank, Lena! Deine Arbeit ist sehr wichtig. Ich wünsche Dir durchschlagenden Erfolg für den 1. Internationalen Online Bildungskongress.

 

Als Leserin und MAMA möchte ich Dich sehr gerne motivieren, Lena und die Zukunft unserer Kinder mit einer kostenlosen Teilnahme am Kongress zu unterstützen. Hier geht’s zur Anmeldung.  Außerdem kannst Du Lenas Wirken auf Ihrem Freilern-Blog und auf ihrer Seite familienleicht verfolgen.

 

Vorher würden Lena und ich sehr gerne von Dir wissen, wie Du das aktuelle Bildungssystem wahrnimmst. Was fördert Deine Kinder und was fördert sie nicht? Lena und ich freuen uns über einen ehrlichen Austausch mit Dir und den anderen Mamas. Bis gleich in den Kommentaren! 🙂