Wichtig für jede Mutter: Gestatte Dir die unerwünschten Gefühle

2018-04-13T21:59:29+00:00 Von |5 Kommentare

Rona Duwe, alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen (5 und 11) hilft Frauen aus Gewaltbeziehungen und einengenden Mythen auszubrechen. Dass sie mit ihrem jungen Projekt www.phoenix-frauen.de einen echten Nerv getroffen hat, zeigen unter anderem Presseanfragen von großen Frauenzeitschriften schon wenige Wochen nach ihrem Online-Start. Hier erzählt sie, wie sie ihre Selbständigkeit voran bringt und was sie Dir als Mutter und Mompreneur empfehlen kann.

“Ich sehe mich mit als Vertreterin der unerwünschten Gefühle, der Krisen und der Tabus.”

 

MAMA Revolution: Liebe Rona, Du bist Gründerin der Phönix-Frauen und unterstützt Frauen darin, sich von Gewaltbeziehungen zu befreien und zu heilen. Was war der Schlüsselmoment, der Dich zu diesem Projekt bewegt hat?

 

Rona Duwe: Ich habe festgestellt, dass es in diesem Bereich nach wie vor viel zu wenig Aufklärung gibt. Dies führt zum einen dazu, dass viele Frauen nicht erkennen, dass sie sich zum Beispiel in einer psychischen Missbrauchsbeziehung befinden (ohne körperliche Gewalt), da diese Beziehungen sich häufig aus einer Liebesgeschichte heraus entwickeln.

Zum anderen erhalten viel zu wenige Frauen die klare Botschaft, dass die einzige Lösung Trennung heisst. Und zuletzt wissen viele nicht, wie unglaublich schwer es ist, bei der Trennung zu bleiben und warum das so ist.

Die Folge ist, dass diese Frauen von ihrem Umfeld nicht verstanden werden oder völlig falsche Ratschläge erhalten – auch z.B. von Therapeuten, die sich mit Gewaltbeziehungen nicht auskennen. Die Folge kann auch sein, dass die Frauen in die Beziehung mit ihrem gewalttätigen oder missbrauchenden Partner zurückkehren, weil sie sich nicht von der Hoffnung auf Besserung verabschieden können.

“Jede vierte Frau in Deutschland hat schon Gewalt in ihrer Partnerschaft in der ein oder anderen Form erlebt.”

Auch vermeintlich starke und gebildete Frauen finden sich in solch einer Beziehung wieder.

Diese Frauen haben wiederum Schwierigkeiten sich einzugestehen, dass sie zum Opfer geworden sind. Sie möchten nicht unbedingt in ein Frauenhaus oder zu einer Beratungsstelle gehen.

Sie möchten sich am eigenen Schopf herausziehen und brauchen jemanden, der regelmässig mit ihnen spricht und keine Angst vor diesen schwierigen Themen hat. So wurde die Idee zu meiner Dienstleistung geboren.

 

 

MAMA Revolution: Welche Ängste und Hürden hast Du auf dem Weg Dich mit diesem Thema sichtbar zu machen konfrontiert und was empfiehlst Du anderen Mompreneurs mit ähnlichen Ängsten?

 

Rona Duwe: Es ist ein sehr schwieriges Thema, das man nicht unbedingt gern bei einem Glas Sekt während eines Business-Treffens vorstellt. Niemand möchte wirklich gern über solche Themen sprechen oder mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Dennoch ist das Thema enorm wichtig und braucht mehr Öffentlichkeit.

Hinzu kam, dass ich keine therapeutische Ausbildung habe und daher unsicher war, inwiefern ich mich glaubwürdig verkaufen kann.

“Ich habe in sozialen Netzwerke vorgefühlt, wie das Thema und wie auch meine Dienstleistungsidee ankommt.”

Es gab verschiedene, sehr hilfreiche Rückmeldungen, die mein Mindset und mein Angebot verbessert haben. Ich denke, durch die Angst muss man durch – besonders bei so einem solchen Thema. Aber es ist möglich 😉

 

 

MAMA Revolution: Du hast schon wenige Wochen nach Deinem Online-Start Presseanfragen von großen Frauenzeitschriften erhalten. Wie wichtig war Deine klare Positionierung für diesen Effekt?

 

Rona Duwe: Die Presseanfragen habe ich nicht zu den Gewaltthemen erhalten, sondern zu meinem Blogpost zum Thema und Hashtag #regrettingmotherhood. Für dieses Thema war ich nicht klar positioniert und war auf diese Resonanz nicht vorbereitet.

Der Vorteil war: mir ist – auch durch die vielen Rückmeldungen und die Diskussionen in sozialen Netzwerken – klar geworden, dass ich meinen Schwerpunkt verlagern bzw. erweitern sollte.

Das Thema Gewaltbeziehungen ist nach wie vor wichtig.

“Ebenso wichtig ist es aber, insgesamt mehr über Tabuthemen rund um Familie, Kinder, Mutterschaft und Frausein zu sprechen und zu schreiben.”

Ich merke, dass es mich reizt, weitere heißen Eisen anzufassen. Denn es stellt für viele Frauen und Mütter eine Erleichterung dar, wenn sie sich von den Bildern und Mythen befreien, die rund um das Mutter- und Frausein gemalt werden.

Dazu gehört auch, die sogenannten “schlechten” Gefühle anzuerkennen. Wir lesen viel über positives Denken und es herrscht ein gewisser Zwang zum Glück – besonders als Mutter. Über die großen Schwierigkeiten, Probleme oder Unsicherheiten und Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder sogar Verzweiflung wird seltener gesprochen.

Ich sehe mich daher mit den Phönix-Frauen als Vertreterin der unerwünschten Gefühle, der Krisen und der Tabus. Denn meine Erfahrung ist, dass man nur durch die unerschrockene Konfrontation mit schwierigen Gefühlen und Krisen wächst und sich selbst und seinen Potentialen näher kommt.

 

 

MAMA Revolution: Du bietest im ersten Schritt 1:1 Beratung als “Freundin” an, weil Du keine ausgebildete Therapeutin bist und gleichzeitig die Nöte und Bedürfnisse Deiner Zielgruppe aus Deinen eigenen Erfahrungen genau kennst.

Viele talentierte Mompreneurs denken gerade am Anfang, sie müssten noch mehr Ausbildungen machen, um sich als Expertin positionieren zu können. Wie bist Du vorgegangen, um ein Angebot zu entwicklen, mit dem Du Dich authentisch und sicher fühlst?

 

Rona Duwe: Ich habe mich selbst gefragt, was mir in meiner damaligen Situation und in vielen anderen Krisensituationen gefehlt hat und was mir geholfen hat.

Was mir gefehlt hat, war eine Freundin, die schwierige Grenzsituationen selbst erlebt hat und daher gut damit umgehen kann.”

Jemand, der verlässlich ansprechbar ist für mich und der mir hilft, meine Situation einzuordnen und herauszufinden aus dieser schwierigen Lebensphase. Und jemand, der mir zeigt, dass man danach wieder herauskommt und durchaus glücklich leben kann.

Ich sehe hier noch eine Lücke. Es gibt Berater, Coaches und ausbebildete Therapeuten, es gibt Familienberatungsstellen und Frauenhäuser. Es gibt auch ein ganz tolles Forum zu dem Thema im Internet (http://www.re-empowerment.de), auf dem sich betroffene Frauen in geschütztem Rahmen austauschen.

Aber ich habe noch niemanden gefunden, der sich exklusiv als Mensch mit einer ähnlichen Lebenserfahrung bereitstellt, der auf Augenhöhe mit Dir allein spricht und gemeinsam mit Dir nach Lösungen sucht.

Sicher wirkt es im ersten Moment komisch, dass man sich einen Freundschaftsdienst kauft. Das ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich. Andererseits hätte ich das wahrscheinlich in meiner damaligen Situation getan.

Der Vorteil, einen solchen Dienst zu kaufen ist, dass man sich selbst dadurch einen gewissen Druck auferlegt, wirklich aus der Situation herauszukommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man keine Ängste haben muss, dem anderen zur Last zu fallen. Man darf sich einfach mal fallenlassen, über seine Schwierigkeiten sprechen und hat jemanden, der zuhört und versteht in einem klar vorgegebenen Rahmen.

“Ich glaube inzwischen, dass meine speziellen Lebenserfahrungen ein authentisches Alleinstellungsmerkmal darstellen. Ich spreche nicht aus schlauen Büchern, ich spreche aus Erfahrung.”

Lebenserfahrungen sind ein großer Schatz. Sie brauchen eigentlich kein Zeugnis oder kein Zertifikat.

 

 

MAMA Revolution: Du bist alleinerziehende Mama von zwei Söhnen. Wie organisierst Du Deinen Tag, um genug Zeit für die Phönix-Frauen zu haben?

 

Rone Duwe: Neben den Phönix-Frauen arbeite ich weiterhin als selbständige Grafik-Designerin. Die Phönix-Frauen sind meine neue Leidenschaft. Ich bin kein großes Organisations-Talent und plane nicht gern, aber ich bin eine Schafferin. Wenn mich ein Thema packt, bleibe ich dabei.

Meine Jungs sind bis zum frühen Nachmittag in Schule und Kindergarten. In der Zeit arbeite ich. Nachmittags bin ich für meine Jungs da und abends, wenn sie im Bett sind, arbeite ich weiter. Ich gucke nur noch sehr selten Fernsehen und habe keinen Mann ;-). Daher habe ich abends viel Zeit für mein Projekt.

 

 

MAMA Revolution: Wo möchtest Du in 5 Jahren stehen? Was wünschst Du Dir für die Unterstützung von Müttern im allgemeinen und von Frauen in Gewaltbeziehungen?

 

Rona Duwe: In 5 Jahren möchte ich, dass Phönix-Frauen dazu beigetragen hat, Frauen und Mütter frei zu machen, ihr ganz eigenes, authentisches Leben zu leben und zu all ihren Gefühlen zu stehen.

Ich wünsche mir, dass das Thema Gewalt in Beziehungen stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, dass mehr darüber gesprochen wird und dass mehr dafür getan wird, dass Gewalt in Beziehungen und Familien nicht mehr vorkommt. Denn erlebte Beziehungsgewalt in der Kindheit schafft die nächste Generation gewalttätiger Menschen.

 

 

MAMA Revolution: Welches sind Deine 3 wichtigsten Tipps für Mütter mit eigenem Business?

 

Rone Duwe: Unglaublich wichtig ist es, Kontakte aufzubauen zu anderen Frauen und ein Netzwerk zu bilden oder sich daran zu beteiligen. Das geht via Facebook, Twitter & Co. mittlerweile sehr leicht von überallher. Diese Netzwerke können sehr wertvolle Verteiler für Deine Themen sein.

“Start before you’re ready!” ist für mich ein ganz wichtiger Tipp gewesen. Den Mut zu haben loszulegen, auch wenn noch nicht alles perfekt ist, Kontakte knüpfen bevor das eigene Profil ganz geschärft ist und vor allem sich eine Weiter- oder Umentwicklung zuzugestehen, wenn die erste Resonanz kommt und in eine ganz andere Richtung geht als erwartet.

Das was Du tust, sollte Deine Leidenschaft wecken. Du solltest es so gern tun, dass Du dafür das abendliche Fernsehprogramm sausen lässt. 😉

 

 

MAMA Revolution: Vielen Dank, liebe Rona. Ich wünsche Dir viel Freude und Erfolg mit den Phönix-Frauen!

 

Jetzt würden Rona und ich gerne von Dir wissen, auf welche Mutter-Mythen Du verzichten kannst. Was sind typische Rollen, die Du abgelegt hast oder die Dich in unserer Gesellschaft nerven? Außerdem kannst Du Rona gerne Deine Fragen stellen. Wir freuen uns auf Dich in den Kommentaren. Bis gleich! 🙂

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* Mit Deinem Häkchen machst Du klar, dass Du das alles schon längst verstanden hast...

Ich verstehe :)

5 Kommentare

  1. Katharina 6. Mai 2015 um 13:40 Uhr - Antworten

    Hallo Rona und hallo Sandra!
    Oh ja, das Gefühl, als Mama immer glücklich sein zu müssen, kann ganz schön belastend sein!
    Ich habe mich in den letzten Jahren davon befreit und rede inzwischen öfters mit anderen Müttern darüber, wie verzweifelt und erschöpft ich vor allem anfangs war, mit meinem ersten Baby. Und auch wie einsam!
    Und ich merke, dass andere Mütter erleichtert sind, das zu hören.
    Ich habe irgendwann beschlossen (eher unbewusst 😉 ), keine Rolle mehr zu spielen. Obwohl ich mir meine Kinder jahrelang gewünscht habe (es musste erst der richtige Mann für mich kommen), bin ich trotzdem nicht restlos glücklich, nur Mama zu sein.
    Ich brauche Zeit für mich selbst, Kontakt mit Erwachsenen und berufliche Erfüllung.
    Und ich glaube, das brauchen wir alle…
    Liebe Grüße,
    Katharina

    • Sandra Heim 7. Mai 2015 um 11:13 Uhr - Antworten

      Liebe Katharina, die Einsamkeit hab ich auch gespürt, vor allem in den ersten Wochen – trotz der Mutterglücksgefühle. Und es ist extrem hilfreich sich in solchen Situationen ganz authentisch mit anderen Müttern auszutauschen. Und wer kein Verständnis im eigenen Umfeld findet ist bei Frauen wie Rona super gut aufgehoben 🙂 Danke Dir, Katharina!

  2. Stephanie 30. April 2015 um 12:59 Uhr - Antworten

    JUHUUUUU,

    DANKE LIEBE SANDRA,

    auf so etwas habe ich so sehr gewartet und freue mich riesig über Ronas bericht.

    Ein dickes DANKE, ich glaube ich mache es genau richtig.;-)
    Zitat:
    Das was Du tust, sollte Deine Leidenschaft wecken. Du solltest es so gern tun, dass Du dafür das abendliche Fernsehprogramm sausen lässt.
    CHECK genau so siehts bei mir aus.
    Mittlerweile besitze ich nicht mal mehr ein Fernseher und es macht mich glücklich.
    Ganz im Gegenteil zu meiner 6 jährigen Tochter die das anders von ihrem Papa gewohnt ist.

    Danke für euren spannenden Beitrag.
    Schönes Wochenende
    Stephanie

    • Rona Duwe 30. April 2015 um 14:21 Uhr - Antworten

      Liebe Stephanie,

      es freut mich, dass Dir das Interview einen so guten Impuls geben konnte. 🙂 Ja, das mit der Leidenschaft finde ich wirklich sehr wichtig. Und es ist ja gar nicht so leicht, sich eine leidenschaftliche Tätigkeit zu gönnen, oder? Ich glaube inzwischen wirklich, dass man die meiste Energie in Dinge steckt, die man leidenschaftlich verfolgt. Manchmal habe ich dann eine Zweifelphase, in der ich Angst vor der eigenen Courage bekomme oder in der ich meine, es nicht zu schaffen. Da bin ich immer froh, dass ich Sandra habe. Und der Fernseher wird bei mir auch so gut wie gar nicht vermisst.

      Viel Erfolg bei Deinem Projekt!

      Schönes Wochenende
      Rona

    • Sandra Heim 7. Mai 2015 um 11:10 Uhr - Antworten

      Liebe Stephanie, es ist toll zu beobachten, wie Du Stück für Stück vorwärts marschierst und Deine Visionen umsetzt. Ganz liebe Grüße! Sandra